Durchatmen in den Sommerferien

In den Sommerferien verändert sich etwas. Die Schulwege sind leerer, Hefte und Stundenpläne sind für eine Weile verschwunden, es werden freie Tage in den Familien geplant, einige packen ihre Koffer, andere bleiben zu Hause. Und wer weiterarbeiten muss, bemerkt oft: Die Sommerferien haben einen eigenen Rhythmus. Alles wirkt langsamer und es darf ein wenig langsamer werden.

Durchatmen klingt einfach, einfacher als es ist. Oft merke ich in den ersten freien Tagen, wie schwer dies ist. Besonders fiel mir dies im vergangenen Jahr, als ich mit meiner Familie in Österreich war, wieder auf. Der Körper kommt vielleicht zur Ruhe, doch der Kopf läuft weiter. Was war alles in den letzten Wochen? Was ist liegen geblieben? Was wartet schon wieder? Es braucht Zeit, bis ich wirklich ankomme – nicht nur am Ferienort, sondern bei mir selber.

In der Bibel ist Ruhe nichts Nebensächliches. Sie gehört von Anfang an zum Leben. In der Schöpfungsgeschichte heisst es, dass Gott am siebten Tag ruhte. Das ist ein starkes Bild: Arbeit ist wichtig, aber sie ist nicht alles. Der Mensch lebt nicht nur vom Tun, Planen und Leisten. Der Sabbat erinnert daran: Du darfst aufhören. Du musst dich nicht ständig beweisen. Du bist wertvoll, auch wenn gerade nichts fertig wird.

Auch Jesus sucht immer wieder die Stille. Die Evangelien erzählen, dass er sich an einsame Orte zurückzieht, um zu beten. Er tut das nicht, weil ihm die Menschen gleichgültig sind, sondern weil er aus der Nähe zu Gott Kraft schöpft. Aus dieser Stille heraus kann er wieder zuhören, trösten, heilen und da sein.

Die Ferien können und wollen uns daran erinnern, dass Erholung nicht unbedingt heisst, möglichst viel zu erleben. Manchmal genügt es, morgens ohne Eile aufzustehen, ein Gespräch nicht gleich abzubrechen, das Handy wegzulegen, einen Weg zu Fuss zu gehen oder in einer Kirche still sitzen zu bleiben.

Im Sommer können wir Gottes Spuren oft im Einfachen entdecken: ein Sonnenaufgang, ein erwachender Morgen, Kinderlachen, ein gemeinsames Essen, ein stiller Abend. Solche Augenblicke sind klein, aber sie können viel bedeuten. Wenn wir aufmerksam werden, können sie fast wie ein Gebet sein.

Natürlich sind Ferien nicht für alle unbeschwert. Nicht jeder kann verreisen. Manche pflegen Angehörige, fühlen sich allein oder arbeiten, wenn andere frei haben. Sorgen machen keine Sommerpause. Und doch gibt es vielleicht kleine Atempausen: eine halbe Stunde auf einer Bank, ein Spaziergang am Abend, ein Psalm, ein Anruf bei jemandem, der wirklich zuhört. Gott begegnet uns nicht nur an besonderen Orten. Er ist auch da, wo ein Mensch still wird, dankbar zurückblickt oder seine Sorgen nicht mehr allein tragen will.

Die Sommerferien sind eine Gelegenheit uns zu fragen: Was tut mir gut? Was nimmt mir den Atem? Wem möchte ich wieder Zeit schenken? Durchatmen ist mehr als Pause. Es ist eine Erinnerung daran, dass unser Leben empfangen ist.

Ich wünsche uns, dass dieser Sommer uns ruhiger macht, offener für Gott und dankbarer für das Leben, das uns anvertraut ist.

Marco Heinzer